Antisemitische Hetze im Internet und auf der Strasse

Zur sozialpsychologischen Funktion des Hasses und zu Eskalationsfaktoren im On- und Offlinebereich: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Hetze gegen Juden im Netz und physischen Übergriffen? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Hasswelle auf Facebook vom Jahr 2014 und den Angriffen auf Leib und Leben von Juden im Jahr darauf?

Die Autoren

Nils Böckler & Andreas Zick


Dipl.-Päd. Nils Böckler hat Erziehungswissenschaft und Psychologie studiert und ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld. In dem Projektverbund "Tat- und Fallanalysen hoch expressiver, zielgerichteter Gewalt" (TARGET), welcher vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird, forscht er zu Radikalisierungsprozessen terroristischer Einzeltäter und autonomer Zellen. Weitere Interessen von ihm liegen im Bereich der Gewalt-, Jugend- und Sozialisationsforschung. Hier hat er insbesondere zum Thema "School Shootings" sowie Extremismus und Hass in virtuellen Netzwerken gearbeitet und veröffentlicht.

Prof. Dr. Andreas Zick ist Direktor des »Instituts für Interdisziplinäre Konflikt und Gewaltforschung« sowie Professor für Sozialisation und Konfliktforschung an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld. Seine Forschungsinteressen umfassen Konflikte zwischen Gruppen sowie Analysen von Beeinflussungen durch Vorurteile und Diskriminierung und der Entwicklung und Eskalation von Konflikten ebenso wie die Schwerpunkte der Akkulturation, Rechtsextremismus, Gewalt und Radikalisierung. Der Psychologe ist Chief Editor des »International Journal of Conflict and Violence« sowie Mitglied diverser wissenschaftlicher Beiräte und Expertengremien.

Dem letzten Antisemitismusbericht des SIG und GRA folgend wurden 2014 so viele antisemitische Vorfälle in der Deutschschweiz registriert wie noch nie zuvor. Insbesondere in den sozialen Onlinemedien wurde und wird der Hass gegen Jüdinnen und Juden offenkundig verbalisiert. So schreibt bspw. ein User unter Angabe seines vollen bürgerlichen Namens im Juli 2014 auf Facebook:

„drecks Juden, die stecken doch alle in der gleichen Scheisse! Nach dem TOD werdet ihr verbrennen! Und die kleinen unschuldigen Kinder in Gaza (Palestine) werden euch zuschauen während ihr im Höllenfeuer verbrennt! Egal ob Jude oder Zionist beides gleiche Scheisse und beide werden in der Hölle landen. Und [Name] wenn wir Angst vor der Polizei hätten würden wir unser Gesicht gar nicht zeigen du Bastard!“

Dies ist nur einer von zahlreichen Online-Beiträgen, die 2014 zur Anzeige gebracht wurden.
Stellt man diese Befunde in einen grösseren, europäischen Zusammenhang so schreibt sich dieses Bild fort. In einer Befragung der European Union Agency of Fundamental Rights von 5847 Jüdinnen und Juden in acht europäischen Ländern gaben 75 % der Teilnehmer an, bereits selbst mit antisemitischen Inhalten im Internet konfrontiert worden zu sein.

Ferner äusserten sie, dass der Hass gegenüber Jüdinnen und Juden in Quantität und Qualität in den letzten Jahren ihrer Wahrnehmung zufolge deutlich zugenommen habe.

Fologenreiche Ressentiments

Antisemitische Hassbotschaften, wie die eingangs demonstrierte, provozieren und polarisieren nicht nur, sie terrorisieren. Es sind Hasstaten, die darauf ausgerichtet sind, das Selbstverständnis und Selbstbewusstsein der Adressaten zu zerstören und ein Klima der Angst und Bedrohung zu generieren.

Gemeinsam mit tätlichen Angriffen gegen Jüdinnen und Juden in der Offlinewelt ist die Hetze im Internet allerdings nur die Spitze des Eisberges. Stützendes Element sind menschenfeindliche Mentalitäten, Emotionen und Stereotype, die in weiten Teilen der Gesellschaft geteilt werden.

Oftmals treten diese Ressentiments nicht direkt zu Tage und werden nur über Umwege verbalisiert. Sie werden aber insbesondere dann wahrnehmbar, wenn sie sich im Zuge emotional aufgeladener Signalereignisse entladen. So bspw. im Rahmen der massiven Proteste gegen den Militäreinsatz in Gaza im Sommer 2014. Aus Stereotypisierung wird im Zuge eines heissen Konfliktes insbesondere im Internet schnell Dämonisierung.

Von der Dämonisierung ist es kein weiter Weg zur Dehumanisierung. Wem das Menschsein abgesprochen wird, kann leichter als Feind gebrandmarkt und bekämpft werden.

In der Logik der Täter wird die Gewalt somit von der Sünde in die Tugend überführt.
Diese Zusammenhänge zwischen Einstellungsvorräten, Signalereignissen, Deutungsmanövern und Hasstaten sind kein Alleinstellungsmerkmal für den Antisemitismus, sie zeigen sich auch im Kontext der Homophobie, der Islamfeindlichkeit, der Abwertung von Arbeitslosen und des Sexismus, wie bspw. verschiedene Studien zeigen (Zick, Küpper, Hövermann 2011; Zick/Klein 2014; Longchamp et al. 2014).

Doch welchen Einflüssen unterliegen die hasserfüllten Diskurse im Internet? Was sind die Motive dahinter und wie weit ist der Weg vom Kommentar auf Facebook bis zur Hasstat auf der Strasse?

Licht- und Schattenseiten der virtuellen Teilhabe

Soziale Onlinenetzwerke wie Facebook, Xing, YouTube und Instagram sind heute kaum mehr aus unserem Zusammenleben wegzudenken. Nach jüngsten Auswertungen nutzen etwa 80-85 % der deutschen und schweizerischen Bevölkerung das Internet. Bei den 12- bis 19-Jährigen sind es etwa 99 %. Ein Grossteil dieser Nutzer gebraucht es versiert als Instrument zum Informations-, Beziehungs- und Identitätsmanagement.

Damit ist das Netz zu einem festen Bestandteil alltäglichen Handelns geworden – alltäglich wie das Essen und Trinken. Dies spiegelt sich auch in den Nutzerzahlen der Multimedia-Dienstanbieter wieder: Facebook verzeichnet im Jahr 2015 ca. 28 Millionen Nutzer in Deutschland und 3,3 Millionen in der Schweiz, die online ihre Kontakte pflegen, neue Bekanntschaften knüpfen oder sich zu Diskussions- und Interessengruppen zusammenschliessen.

Die beliebte Videoplattform YouTube, um ein weiteres Beispiel zu nennen, registriert nach eigenen Angaben insgesamt etwa eine Milliarde User, was etwa einem Drittel aller Internetnutzer weltweit entspricht. Das Internet macht die Welt kleiner, es führt Menschen zusammen, es demokratisiert, es verhilft zur Teilhabe, zur Anerkennung – es schafft Identität und integriert.

Doch in allzu brachialer Weise werden uns immer wieder die Schattenseiten virtueller Kommunikation vor Augen geführt. Jene Seiten des Internets, auf der Teilhabe und Identitätsbildung in eine ganz andere – gesellschaftlich höchst riskante – Richtung treiben.

Wo sich die Inhalte gegen Minderheiten richten, wo Feinde markiert werden, wo das Netz zum Instrument von Rekrutierung wie Mobilisierung durch Extremisten geworden ist und wo sich soziale Bewegungen generieren, die ihrer Wut gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen ungezügelt freien Lauf lassen; zunächst im Internet, manchmal dann auf der Strasse.

Internet als Katalysator

Das Internet ist damit auch ein Instrument, das Hass lanciert und das radikalisiert. Während Hassbotschaften für die Adressaten mit erheblichen Einschränkungen des psychischen und physischen Wohlbefindens und Ängsten einhergehen, kann das Erstellen und Senden dieser Inhalte für die Täter aus den verschiedensten Gründen attraktiv werden: 

Einige von ihnen nutzen die Anonymität um zu provozieren und durch Grenzüberschreitung den Kick zu finden, andere sehen sich auf einer Mission gegen einen spezifischen Feind und nutzen die virtuelle Welt um an den massenmedialen Filtern vorbei, die eigene vermeintliche Dominanz auf öffentlicher Bühne zu präsentieren. Wieder andere treibt die Sehnsucht nach Gemeinschaft. So kann kollektive Identität und Zugehörigkeit auch durch Fremdgruppenabwertung getragen werden.

Eine Hassbotschaft an den Feind ist dann immer auch eine Solidaritätsbekundung der eigenen Gruppe gegenüber: „Ich gehöre zu Euch – wir gemeinsam gegen die“. Die Facetten in denen Hate Speech im Internet zu beobachten ist, sind ebenso vielfältig wie die Motive, die dieser zugrunde liegen. Hassbotschaften können individuell oder im Kollektiv geäussert werden, können spontan oder strategisch, direkt oder indirekt sein.

Hate Speech, hier verstanden als „der sprachliche Ausdruck von Hass gegen Personen oder Gruppen […], insbesondere durch die Verwendung von Ausdrücken, die der Herabsetzung und Verunglimpfung von Bevölkerungsgruppen dienen“ (Meibauer 2012), kann zwar die individuelle Äusserung einer Emotion sein, sie basiert aber immer auf sozialer Identifikation, auf Gruppenbindungen und auf Abgrenzungsprozessen.

Gefährlich wird es, wenn die Hassbotschaften in menschenfeindlichen Weltanschauungen keimen, da diese immer auch den Imperativ zum gewalttätigen Handeln einschließen.

Warum es leicht fällt, im Internet gemeinsam zu hassen

Wir haben uns mit dem Phänomen der individuellen und kollektiven Radikalisierung am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld intensiv beschäftigt. Neben dem Phänomen des Cyberbullying (Sitzer et al. 2012) standen in verschiedenen Studien sowohl die Radikalisierungsprozesse von Amokläufern und terroristischen Einzeltätern über das Internet als auch die Online-Mobilisierungsstrategien von Rechtspopulisten, Rechtsextremisten und Islamisten im Fokus.

Ob das Internet heute wirklich das Trainingslager für Terroristen und Extremisten abgelöst hat – wie es manche Wissenschaftler und Politiker annehmen – sei an dieser Stelle dahingestellt. Es kann in jedem Fall ein Kontext sein, in dem sich Menschen radikalisieren, in dem sich Meinungen polarisieren und Diskurse eskalieren.

Inhalte zur Militäroffensive Israels im Sommer 2014, ebenso aber auch die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ und Debatten zur Flüchtlingspolitik polarisieren. Das Internet wird in diesen Kontexten zu einer Kampfarena, in der das sachliche Argument allzu schnell der Volksverhetzung weicht.

Diese Inhalte werden zum Zentrum emotional aufgeladener Diskurse. Dabei haben insbesondere auch die Charakteristika des Internets als spezifischer Sozial- und Kommunikationsraum einen entscheidenden Einfluss auf die beobachtbaren Dynamiken.

Die Charakteristika der computervermittelten Kommunikation

Es ist wenig überraschend, dass Menschen geneigt sind, ihre internen Verhaltensstandards in Kontexten herabzusetzen, in denen sie weniger fürchten, für das eigene Handeln in Verantwortung gezogen zu werden. Im Internet haben sie die Möglichkeit aus der Anonymität heraus zu kommunizieren.

Die Wahrscheinlichkeit für antisoziale Verhaltensweisen steigt. Weitere wesentliche Faktoren sind das Fehlen non-verbaler Reaktionen der Kommunikationspartner, die physische Distanz zwischen den Interaktionsteilnehmern sowie die volle Kontrolle der Nutzer über die Zeit und die Geschwindigkeit ihrer Interaktionen.

Digitalisierung und Virtualisierung haben zur Veränderungen bestehender sozialer Beziehungen geführt.
Mit dem Web 2.0 ist eine Light-Version sozialer Beziehungen entstanden, die für den Einzelnen besser als in der Offlinewelt zu kontrollieren sind. Durch die Charakteristika der computervermittelten Kommunikation kann so auch ein sanfter und niedrigschwelliger Einstieg in radikale und extremistische Lebenswelten begünstigt werden.

Heute ist es ein Leichtes, sich von der Gesellschaft abzuwenden und doch irgendwo auf der Welt Gleichgesinnte in Foren, Blogs und Netzwerken zu finden, die die persönlichen Einstellungen und Meinungen teilen und verstärken. Man spricht hier von dem sogenannten Echokammereffekt, der Radikalisierungsprozesse arretieren kann.

Aber auch die Infrastruktur der Onlinenetzwerke verstärkt diese Selbstreferentialität. Facebook, YouTube und andere Onlineplattformen schliessen von unseren Aktivitäten (klicken, liken, raten etc.) auf unsere persönlichen Präferenzen und Bedürfnisse.

Was mag der User, für was interessiert er sich? Auf dieser Grundlage schlagen uns die Plattformen nach dem Log-In immer wieder bestimmte Inhalte vor, von denen die Dienstanbieter annehmen, dass sie uns gefallen könnten. So kann es sein, dass ein Mensch, der sich für die Inhalte des sogenannten Islamischen Staates oder der Hamas und ihre propagandistischen Inhalte interessiert hat, durch die Onlineplattform auf immer neue vergleichbare Inhalte verwiesen wird – er befindet sich in einer Inhaltsblase.

Darüber hinaus konnte in zahlreichen sozialpsychologischen Experimenten nachgewiesen werden, dass im Rahmen virtueller Interaktionen, Menschen besonders aufmerksam für Gruppenkategorien werden. Personen neigen dazu, in Situationen, in denen ihnen wesentliche Informationen über die Merkmale ihrer Konversationspartner vorenthalten bleiben, sich verstärkt an den ihnen bekannten sozialen Kategorien, wie Gender, Nationalität, Alter, Religion und/oder Ethnie zu orientieren.

Gerade bei Ereignissen, in denen die Standpunkte zwischen zwei Parteien verhandelt werden (etwa dem Gazakonflikt), agieren befangene Teilnehmer in den Diskussionen in vielen Fällen nicht mehr als Individuum, sondern vielmehr als prototypischer Vertreter der eigenen Gruppe.

Die Repräsentanten anderer Fraktionen werden in der eigenen Wahrnehmung dann häufig nur noch in Form von Stereotypen abgebildet. In diesem Zuge werden all jene Diskurse besonders anfällig für Hasstiraden und Eskalationsprozesse, in denen kollektive Identitäten, Gruppennormen und -werte verhandelt werden.

Die sozialpsychologische Funktion des Hasses

In der Sozialpsychologie beschreibt „Hass“ eine intensive Ablehnung und Feindseligkeit gegenüber Menschen, Dingen oder Ereignissen. Hass ist damit nicht ausschliesslich als eine unwillkürliche Emotion zu verstehen, sondern kann durch Individuen und Gruppen strategisch entfacht und instrumentell eingesetzt werden.
Hass ist als Handlungs- und Wahrnehmungsstrategie erlernbar und damit immer auch ein Stück weit funktional.

Nach einer Auswertung der Unicef von Studien aus ganz Europa zur Gewaltwahrnehmung im Internet zeigt sich, dass im Jahr 2012 etwa jeder dritte Jugendliche regelmässig mit Hass oder Gewaltseiten im Netz konfrontiert wurde. Man kann davon ausgehen, dass diese Häufigkeit mit der systematischen Nutzung der sozialen Onlinenetzwerke durch extremistische und radikale Bewegungen eher deutlich zu- als abgenommen hat.

Dieser Befund besorgt, wenn man bedenkt, dass gerade Heranwachsende im Streben nach einem stabilen Identitätserleben und eigenen Standpunkten zum Weltgeschehen eine starke suchende und sondierende Haltung in Bezug auf Lebenskonzepte an den Tag legen.

Hass im Gewandt menschenfeindlicher Ideologien oder Verschwörungstheorien kann hier besonders attraktiv sein, um Identitätspolitik und Abgrenzungsarbeit voranzutreiben. Für Jugendliche mit Migrationshintergrund kommt eine wesentliche Entwicklungsaufgabe hinzu.
Sie müssen zwischen den Traditionen ihres Herkunftslandes und des neuen Heimatlandes vermitteln bei der gleichzeitigen täglichen Wahrnehmung, dass sie „irgendwie anders“ sind. Gerade für muslimische Jugendliche der zweiten und dritten Generation wird dabei die Neuentdeckung bzw. Rückbesinnung auf die Religion und die muslimische Identität attraktiv.

Da wo jedoch kaum religiöses Vorwissen und allzu grosse Bedürfnisse nach klarer Orientierung bestehen, haben es einfache islamistische Interpretationen leicht, anzuknüpfen – antisemitisches Weltbild inklusive.

Ideologien der Ungleichwertigkeit bedienen sich dem immer selben Werkzeugkasten und helfen Jedem, der an sie glauben möchte, die Komplexität in einer allzu komplizierten Welt zu reduzieren. Sie markieren Feindschaftsverhältnisse und schreiben der eigenen sozialen Gruppe Überlegenheit zu.

Der Hass kann damit auch der Selbstwerterhaltung und Selbstwertsteigerung dienen. Es ist eine alte Erkenntnis der Sozialpsychologie, dass Menschen, die Vorurteile gegen bestimmte Personengruppen hegen, eher geneigt sind, auch andere Gruppen abzuwerten. So schreibt der Psychologe Allport 1954: „One of the facts we are most certain is that people who reject one out-group will tend to reject other out-groups. If a person is anti-Jewish, he is likely to be anti-Catholic, anti-Negro, anti any out-group“ (1954, S. 68).

Radikalisierung

Natürlich wird mit menschenfeindlichen Identitäten auch aktiv gespielt. Nicht immer ist klar, welche Ernsthaftigkeit hinter den Botschaften im Internet steckt.

Riskant wird es da, wo die Produzenten und Rezipienten drängende Bedürfnisse an die Inhalte herantragen, sei es nach Anerkennung, Kontrolle, Wissen und Orientierung und/oder Gemeinschaft. Hass hat hier die beste Voraussetzung zu keimen. Menschen radikalisieren sich, wenn sie immer extremere soziale, politische oder religiöse Inhalte in das Selbstkonzept integrieren und die Ideologie immer mehr zum Referenzrahmen für die persönliche Wahrnehmung und das eigene Handeln wird.

Eine Person die Hass als funktional erlernt und sich bereits radikalisiert hat, wird in den wenigsten Fällen ein Problem damit haben, entsprechende Hassbotschaften unter der Angabe ihres vollen bürgerlichen Namens zu verbreiten. Die Person provoziert nicht mehr, sie glaubt an das, was sie schreibt. Hass macht jedoch süchtig und erleichtert den Menschen damit nicht auf Dauer.
Süchtig danach, Sündenböcke für die eigenen Probleme zu haben und eine starke Gruppe hinter sich zu wähnen. Sucht will befriedigt werden – der Hass muss daher immer neu hergestellt werden.

Diese Prozesse können sich dramatisch zuspitzen. Dies zeigte bspw. der Anschlag in Kopenhagen am 14. Februar 2015, bei dem ein junger Mann zunächst ein Attentat auf Teilnehmer einer Veranstaltung zu „Kunst, Blasphemie und Meinungsfreiheit“ verübte und im Anschluss eine Synagoge angriff. Offenbar war die Wahl seiner Opfer und der Ablauf seines gewalttätigen Handelns durch den Anschlag auf Charlie Hebdo in Paris inspiriert worden.

Das Internet wird im Zuge solcher Taten aktiv als Plattform für die Selbstinszenierung vor der Tat, als Verbreitungskanal für Ideologien und zur Kommunikation mit Extremisten und Gleichgesinnten genutzt.

Die „Intifada der einsamen Wölfe“, die wir seit 2015 in Israel erleben, ist ein weiteres Beispiel. Auf unzähligen Facebookseiten finden wir Anleitungen zum Bombenbau und zur Herstellung unkonventioneller Mordwerkzeuge, flankiert von Cartoons, in denen Attentäter als Märtyrer glorifiziert und Opfer vergangener Anschläge verhöhnt werden. Es gibt zahlreiche Berichte über Täter, die sich über das Internet auf die Tat vorbereitet haben.

Vom Internet auf die Strasse

Hasskrimininalität im öffentlichen Raum stellt sich ähnlich vielfältig wie Hate Speech im Internet dar. Sie reicht von der gelegenheitsabhängigen Gewalt durch Jugendcliquen über die bewegungsförmige menschenfeindliche Gewalt organisierter Gruppierungen, der Konfrontationsgewalt im Rahmen von Demonstrationen bis hin zur terroristischen Gewalt durch Verbünde oder Einzeltäter.

Hassbotschaften im Internet können zur Gewalt auf den Strassen anheizen.

Die physische Gewalttat ist in der Regel jedoch mit sehr viel höheren Hemmschwellen als die Hassbotschaft im Internet verbunden. Diese müssen persönlich oder im Kollektiv überwunden werden, bevor Gewalt ausagiert werden kann. Sofern das gewalttätige Handeln nicht auf Wahnvorstellungen – die möglicherweise durch Ideologien oder Verschwörungstheorien gespeist werden – zurückzuführen oder Ausdruck genereller dissozialer oder psychopathischer Persönlichkeitseigenschaften ist, wird die Frage nach den Motiven der Täter zentral.

Hasstaten sind in der Regel Gruppentaten. Solche Gruppen sind mehr als die blosse Summe ihrer Individuen. Sie organisieren sich in Bezug auf bestimmte Weltbilder, kollektive Identitäten, Einstellungen und Feinde. Erst durch ihre interne Dynamik und durch entsprechende Gelegenheiten drängen sie zur gewalttätigen Handlung.

Im Rahmen einer vergleichenden Analyse von Biografien ideologisierte Gewalttäter sowie einem Abgleich mit internationalen Forschungsergebnissen, können wir drei prototypische Dynamiken zwischen Individuum, Gruppe und Ideologien identifizieren, welche die Radikalisierungsprozesse hin zur Gewalt massgeblich beeinflussen.

Der Anführer und die Suche nach sozialer Bespiegelung

Die Täter, die dem Typus zugeordnet werden können, sind auf soziale Aussenwirkung bedacht. Sie wollen sich in sozialen Kontexten beweisen und meinungsführend sein. Sie präsentieren sich gerne vor Publikum, Hass kann dabei zu ihrem wichtigsten Requisit werden. Insbesondere dann, wenn ihnen alternative Lebenswege immer unattraktiver oder unerreichbar erscheinen, die ihnen vorschwebende Karriere zu realisieren.
Die Identifikation mit der menschenfeindlichen Ideologie wird für sie zum Mittel des Selbstausdrucks und strukturiert ihre sozialen Interaktionen.

Diese Personen fungieren für andere Mitglieder der Gruppe als Identifikationsfigur, da sie für die Sache vermeintlich bedingungslos einstehen und sich nach außen entschlossen und selbstbewusst geben. Gleichzeitig verfestigt die positive soziale Resonanz innerhalb des radikalen Kontexts den Radikalisierungsweg dieser Personen. Sie sind für das Vorantreiben des gewalttätigen Vorhabens richtungsweisend und nehmen entscheidenden Einfluss auf den Radikalisierungsprozess anderer durch Rekrutierung, Anweisung und Bestärkung.
Die soziale Bespiegelung ist für sie in der Regel wichtiger als die Ideologie und die Opferwahl, die für sie eher Mittel zum Zweck ist.

Der Abhängige und die Suche nach Autoritäten

Mitläufer sind leicht beeinflussbar und suchen in sozialen Kontexten nach Personen, die ihnen Orientierungs- und Verhaltenssicherheit geben. Der Zugang zu radikalen Kontexten wird zumeist über Freunde und Bekannte hergestellt.

Die Planung der Gewalttat erfolgt eher aus einer sozialen Abhängigkeit bzw. einem besonderen Pflichtgefühl anderen Personen gegenüber, als aus intrinsisch-ideologischer Überzeugung. Dementsprechend stellen sie im Zuge der Radikalisierung durchaus auch ideologische Zielsetzungen in Frage und haben am Ehesten eine Hemmschwelle die Gewalttaten auch wirklich auszuüben.

In dem Maße in denen sie sich aber aus den Netzwerken außerhalb des radikalen Verbundes herauslösen, begeben sie sich in Abhängigkeit zu ihren Mentoren. Die Radikalisierungsdynamik verfestigt sich dann als Resultat der Begeisterung für neue soziale und subjektiv als bedeutsam erlebte Erfahrungen in den radikalen Verbünden sowie durch das Gefühl zunehmender Verpflichtung den Vertrauenspersonen gegenüber.

Der missionsorientierte Typus und die Suche nach Sinn

Bei dem missionsorientierten Typus lassen sich im Vorfeld der Radikalisierung akute Krisen identifizieren, die subjektiv als erheblich belastend erlebt werden und mit dysfunktionalen Bewältigungsmustern einhergehen. Mit der Hinwendung zur Ideologie ist die Suche nach etwas Sinnhaften verbunden. Zunehmend interpretieren sie das eigene Leben im Lichte der ideologischen Deutungsmuster.

Die Radikalisierung wird sukzessive durch die zunehmende Selbstverpflichtung gegenüber der Ideologie vorangetrieben, die es ihnen ermöglicht, sich handlungsfähig und nützlich zu erleben. Während in gewalttätigen Zusammenschlüssen von zwei oder mehr Personen, Typ 1 und 2 in der Regel aufeinander angewiesen sind und sich gegenseitig im Zuge ihrer Radikalisierung bestärken, neigt Typ 3 am ehesten dazu, Taten auch alleine zu vollziehen.

Er ist nicht auf die reale Einbindung in die Gruppe angewiesen. Für ihn wird die Ideologie in einem stärkeren Masse zu einem Definitionskriterium eigener Identität als dies bei den anderen Typen identifiziert werden kann.

Gruppendynamische und situative Faktoren

Neben den Elementen der Täterpersönlichkeit, haben gruppendynamische Momente und Faktoren der Situation, in denen die Gewalt ausgeübt wird, einen wesentlichen Einfluss. Rassistische Musik, Alkohol und Anonymität sind etwa situative Faktoren, die ein stimulierendes und enthemmendes Geflecht für Gewalttaten darstellen.

Gruppen, die Gewalt ausüben, geraten im Zuge der Tat mitunter in einen regelrechten gemeinsamen Rausch, der wiederum zum Motiv für weitere Taten werden kann. Hier geht es dann um das Erleben der Überlegenheit, die Wahrnehmung von Kameradschaft und die Überschreitung des Alltäglichen.

Hasstaten müssen immer als kommunikativer Akt verstanden werden, der sich sowohl gegen die Feinde („nicht mit uns!“) als auch an Sympathisanten („wir tun etwas“) und vermeintliche Verräter („wenn es die Politik nicht schafft, nimmt es das Volk selbst in die Hand“) wendet. Die Opfer haben zumeist symbolischen Wert für die Täter, da sie als Repräsentanten ihrer Gruppe ausgewählt werden.

Die menschenfeindlichen Diskurse im Internet ebenso wie Einstellungsvorräte in der Bevölkerung tragen mitunter dazu bei, dass die Täter die Möglichkeit haben, sich als Vertreter einer breiteren Masse zu inszenieren.

Wo kann Prävention anknüpfen?

Hass im Internet, egal ob es sich um Antisemitismus, Sexismus oder Fremdenfeindlichkeit handelt, muss entschieden entgegen getreten werden. Dies muss zum einen in der Onlinewelt durch Monitoring und Meldeverfahren geschehen, wie es etwa durch die Schweizerische Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (KOBIK) oder jugendschutz.net umgesetzt wird.

Ein weiterer grosser Schritt wurde darüber hinaus getan, als Facebook Anfang 2016 zusammen mit Wissenschaftlern die europaweite „Initiative für Zivilcourage Online“ ins Leben gerufen hat. Der Zusammenschluss fördert Nichtregierungsorganisationen, die sich dem Kampf gegen Online-Extremismus und Hate Speech widmen.

Aufklärung 

Hass im Netz muss ferner aber auch in der Offlinewelt thematisiert werden und vor allem die diesbezügliche Aufklärung in den Sozialisationskontexten Heranwachsender mehr Berücksichtigung finden. Neben Organisationen wie jugendschutz.net oder New Media Concept in Zürich, widmen sich diesem Vorhaben auch Kampagnen wie nohatespeech.ch und bunte-schweiz.ch, indem sie die Sensibilisierung von Multimedia-Dienstanbietern, Eltern und Jugendlichen vorantreiben und bspw. Workshops zu diesen Themen initiieren.

Weitere hilfreiche Anknüpfungspunkte wie pädagogische und politische Reaktionen auf Antisemitismus im pädagogischen Alltag aussehen können, finden sich bspw. in der Rassismus-Chronologie der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus und im Antisemitismusbericht für die französischsprachige Schweiz der Cicad sowie im Lagebericht Antisemitismus der Amadeu Antonio Stiftung.

Schaut man sich die eingangs aufgeführten Zahlen zu den Internetnutzern an, ist eine allzu strikte Trennung zwischen On- und Offlinewelt nicht mehr haltbar. Darauf müssen sich auch Prävention und Intervention einstellen. Das Internet gehört längst zum Alltag der Menschen. Politische und pädagogische Programme müssen daher stärker den Zusammenhang von Off- und Onlinewelt berücksichtigen und im Hinterkopf behalten, wie schnell ein Phänomen aus dem Internet auf die Strasse gelangen kann.

Es gilt Berufspädagogen und Psychologen für die Ausprägungen des Hasses in der virtuellen Welt zu sensibilisieren und die Vermittlung von Medienkompetenz verstärkt in den Blick zu nehmen. Gerade Heranwachsende müssen lernen, die allzu leicht verfügbaren Catch-all Erklärungen im Internet zu hinterfragen. Pädagogen müssen befähigt werden, alternative Angebote bereitzustellen und Debatten konstruktiv zu lenken und zu nutzen.

Bildung und Hintergrundwissen sind dabei auf beiden Seiten der beste Schutzschild gegen ideologische Erklärungsmuster, die vielfach mit einem antisemitischen Weltbild verknüpft sind.

Antisemitismus muss als gesamtgesellschaftliches Problem wahrgenommen werden, das in allen Gesellschaftsteilen zu beobachten ist. Manchmal offen, tabulos und ungezügelt, vielfach verdeckt.

Antisemitismus durch muslimische Migranten ist eine Facette von vielen, auf die sich Prävention ganz gezielt einstellen muss. Migrations- und Diskriminierungserfahrungen muslimischer Jugendlicher dürfen keine Rechtfertigung für antisemitische Äusserungen sein, müssen im Rahmen antisemitismuskritischer Präventionsarbeit aber Berücksichtigung finden. Dabei sind Stigmatisierungseffekte unbedingt zu vermeiden.

Fazit

Festzuhalten bleibt: Radikalisierung findet nicht im sozialen Vakuum statt. Hass kann blosse Provokation sein – riskant wird es insbesondere da, wo Menschen drängende Bedürfnisse an die Inhalte herangetragen. Vorurteile und Hass haben stets eine Funktion. Das gilt auch für den Antisemitismus.

Ideologien der Ungleichwertigkeit können Selbstwert und Identität stiften, ein Gemeinschaftsgefühl befeuern, Kontroll- und Machtmotive bedienen und komplexe Prozesse scheinbar einfach erklären. Wir müssen die Diskurse im Internet und die damit verbundenen sozialen Dynamiken und individuellen Motive besser verstehen lernen, um effektive Gegennarrative zur Aufklärung zu entwickeln.

Oftmals gehen diese noch an der Lebenswelt Jugendlicher und ihren Bedürfnissen meilenweit vorbei. Pädagogen müssen für die Bedürfnisse sensibilisiert werden, die Menschen an die fragwürdigen Angebote im Internet herantragen und ihren identitätsstiftenden Charakter erkennen.

Damit dies gelingen kann, bedarf es auch einer langfristigen und immer neuen Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus in all seinen Facetten.