Antisemitismus unter Muslimen in Europa: Wie befreien wir unsere Jugendlichen vom Hass?

"Wer täglich mit muslimischen Jugendlichen zu tun hat weiss, dass die Ereignisse des Sommers 2014 leider nicht als Ausnahmezustand zu betrachten sind. Der Antisemitismus ist im Alltag sehr präsent: auf Schulhöfen, auf Facebook, auf Satellitensendern und in Foren. Das Wort «Jude» ist unter muslimischen Jugendlichen ein Schimpfwort geworden", sagt Ahmad Mansour.

Zur Person

Ahmad Mansour

Ahmad Mansour wurde 1976 als Sohn arabischer Israelis in Israel geboren. Während seiner Schulzeit kam er in Kontakt mit einem fundamentalistischen Imam, wodurch er beinahe Islamist wurde. Sein Psychologiestudium (1996-1999) in Tel Aviv half ihm dabei, sich vom Islamismus zu lösen. 2004 ging er nach Deutschland, 2005 setzte er sein Studium in Berlin fort. Heute arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zentrum für demokratische Kultur in Berlin und Programme Director bei der European Foundation for Democracy in Brüssel. Seinen Schwerpunkt bilden Salafismus, Antisemitismus sowie psychosoziale Fragen und Probleme bei Migranten muslimischer Herkunft. Er ist seit 2007 auch Gruppenleiter des HEROES-Projekts gegen Unterdrückung im Namen der Ehre. 2012-2014 war Mansour Mitglied der Deutschen Islamkonferenz. Als Autor publiziert er vor allem zu den Themen Antisemitismus und Radikalismus. Mansour ist verheiratet und lebt und arbeitet in Berlin.

Sommer 2014. Auf einer Facebook-Seite, die für eine propalästinensische Demonstration in Zürich mobilisiert, schreibt ein junger Mann mit türkischen Wurzeln: «Wir müssen alle Juden ausrotten und zwar Auschwitz», ein anderer kommentiert mit «Ich finde es schade dass Hitler nicht alle Juden getötet hat.» Mehrere Gesinnungsgenossen kündigen an, in «Zürichs Judenquartier einzumarschieren» und «Juden und Zionisten» zu verprügeln. Auf deutschsprachigen Facebook-Seiten wird hundertfach ein Bild von Hitler geteilt, das mit dem Text «Ich hätte alle Juden töten können, aber ich habe einige am Leben gelassen um euch zu zeigen, warum ich sie getötet habe» ergänzt ist.

Weiteres Beispiel einer Facebook-Diskussion im Sommer 2014: Ein Jugendlicher postet den Status «Möge Allah diese Juden vernichten!» Ein Facebook-Freund korrigiert: «Die Israelis». Daraufhin fügt ein Dritter hinzu: «Aber er meint diese Juden die das gerade machen, also Zionisten.» Viele Personen haben den eigentlichen Beitrag geliked, für die Kommentare darunter hat sich fast niemand interessiert. Ein anderer Nutzer drückt seine Haltung eindeutiger aus. Er postet ein Bild von einem toten Kind: der Schädel ist fast komplett zerstört, der Vater hält es in seinen Armen und weint: «Das ist das Resultat Jude + Waffe». Auf dem Profilbild ist ein Zitat aus dem Koran zu lesen.

Antisemitismus nicht nur im Netz

Dieser Antisemitismus unter Muslimen zeigte sich nicht nur im Netz. Bei Demonstrationen gegen die Militäroffensive Israels im Gazastreifen waren in mehreren europäischen Städten und Hauptstädten antisemitische Parolen auf den Strassen zu hören, viele der Demonstranten hatten einen muslimischen Hintergrund. Juden wurden unter anderem als «feige Schweine» bezeichnet; es gab Ausrufe auf Arabisch wie «Lang lebe Hamas!» – Solidarität mit einer Terrororganisation. Auch in Moscheen gab es antisemitische Äusserungen. Auf YouTube zeigte ein Video, wie ein Prediger in Berlin ruft: «Oh Allah, destroy the Zionist Jews!»

Wer täglich mit muslimischen Jugendlichen zu tun hat, weiss, dass die Ereignisse des Sommers 2014 leider nicht als Ausnahmezustand zu betrachten sind. Der Antisemitismus ist im Alltag sehr präsent: auf Schulhöfen, auf Facebook, auf Satellitensendern und in Foren. Das Wort «Jude» ist unter muslimischen Jugendlichen ein Schimpfwort geworden.

Populäre Verschwörungstheorien

Verschwörungstheorien über die «Herrschaft der Juden», ihre vermeintlich aktive Rolle bei der Finanzkrise oder den Anschlägen des 11. September und die Behauptung, die Juden steuerten die USA und ihre Politik, sind sehr verbreitet. Auch die Terrororganisation «Islamischer Staat» wird in antisemitische Verschwörungstheorien eingeflochten. Auf einer deutschen Facebook-Seite war beispielsweise im Herbst 2014 zu lesen: «Die ISIS sind doch nichts anderes, als von den Israelis finanzierte Schauspieler.» 163 Likes bekam diese Behauptung. Zudem sind Stereotype über Juden nicht selten (sie seien «dreckig, betrügerisch, manipulativ und geldgierig»), sie werden zumeist durch die Familie, arabische Medien und auch Moscheen vermittelt und verstärken sich dann in den Peer-Groups.

Vortrag zum Thema: Ahmad Mansour sprach am 12. Januar anlässlich der BESA-Ausstellung in der Kornschütte Luzern über Antisemitismus unter Muslimen.

Dimensionen werden verkannt

70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg können wir es als gesamte Gesellschaft unter keinen Umständen hinnehmen, dass eine Gruppe aufgrund ihrer religiösen Zugehörigkeit attackiert oder diffamiert wird. Antisemitismus unter Muslimen stellt eine grosse Bedrohung für unsere Demokratie dar. Trotzdem findet er wenig politische und öffentliche Beachtung, und in der muslimischen Community wird die Dimension des Problems nicht erkannt. In der praktischen Arbeit gegen Antisemitismus, gegen Radikalisierung und Ungleichberechtigung zwischen den Geschlechtern zeigt sich immer wieder, dass die Jugendlichen durchaus erreichbar sind und Prävention erfolgreich sein kann. Um effektive Präventionsarbeit zu leisten und gegen den Hass zu steuern, müssen wir uns aber ernsthaft mit den folgenden Fragen auseinandersetzen: Wie und warum entsteht Antisemitismus unter Muslimen? Was muss in der europäischen Mehrheitsgesellschaft sowie in den muslimischen Communities passieren, um die Entstehung dieses Hasses zu verhindern?

Entstehungsgründe

Antisemitismus ist ein milieuübergreifendes Phänomen, das auch in der europäischen Mehrheitsgesellschaft leider noch immer verbreitet ist. Wichtig ist dabei zu erkennen, dass die Ursachen und Wurzeln des Antisemitismus sich bei einzelnen Gruppen in der Gesellschaft unterscheiden. In vielen muslimischen Familien ist Antisemitismus Teil der Erziehung. Über Generationen hinweg wird den Kindern in diesen Familien das Gefühl vermittelt, überall auf der Welt würden Muslime unterdrückt – und schuld daran seien «die Juden». Sie täten alles, um den Islam zu bekämpfen.

Dieses Bild wird nicht von den Familienmitgliedern allein vermittelt, sondern auch von den arabischen Medien, die in vielen Familien konsumiert werden. Sender wie Al-Aqsa sowie der libanesische Hisbollah-Sender El-Manar, die Wohnungen in Europa per Satellit erreichen, spielen eine grosse Rolle bei der Verbreitung von antisemitischen Verschwörungstheorien und Propaganda.

Verunsicherte Gläubige suchen Feindbilder

In Konfliktzeiten wird ein klares Feindbild besonders wichtig. Im Augenblick herrscht viel Instabilität und Unsicherheit in den muslimischen Ländern. In Syrien und im Irak kämpfen Muslime gegen Muslime, die grausamen Taten der Terrororganisation «Islamischer Staat» bestimmen die Nachrichten. Diese Zustände verunsichern Gläubige weltweit. Einigen kommt der Konflikt in Nahost gerade recht, um sich auf das klare Feindbild des «Juden» konzentrieren zu können. Bei den Demonstrationen in Berlin gegen die Gazaoffensive gab es Anhänger der Hamas, Salafisten, Sunniten und Schiiten. Gruppen von Muslimen finden sich zusammen, die sonst nichts miteinander zu tun haben.

Eine weitere Quelle ist der religiös argumentierte Antisemitismus. Der Koran beschäftigt sich sehr oft mit jüdischen Überlieferungen. Diese muss man in ihrem lokalen, historischen Kontext verstehen und interpretieren. Das wird oft nicht gemacht, sondern es wird verallgemeinert.

Dies spielt wiederum dem islamistisch argumentierenden Antisemitismus in die Hände, der sich auf dem Vormarsch befindet. Radikale Gruppierungen sprechen oft von «den Juden» als Feinden des Islam. Ausserdem beobachtet man seit längerer Zeit eine Islamisierung des Nahostkonflikts. Vor allem Extremisten stellen den territorialen Konflikt zwischen den Palästinensern und Israel als globales islamisches Problem dar. Daraus leiten sie für alle Muslime die Pflicht ab, um das Heilige Land zu kämpfen  

Präventionsansätze

Die Situation ist nicht in jedem Land dieselbe. In der Schweiz sind antisemitische Tendenzen nicht so ausgeprägt wie zum Beispiel in Frankreich. Die Rezepte, mit denen das Problem angegangen werden sollte, sind jedoch überall die gleichen. Der erste wichtige Schritt in der Präventionsarbeit ist, ein Bewusstsein zu schaffen und endlich zu begreifen, dass Zustände, wie wir sie im Sommer 2014 überall in Europa erlebt haben, nicht akzeptabel sind. Auch bei den muslimischen Verbänden darf das Problem nicht mehr ignoriert oder relativiert werden. Die Verbände müssen sich ernsthaft mit Antisemitismus auseinandersetzen, und es muss innerhalb der islamischen Community eine ernsthafte Debatte zu diesem Thema beginnen.

In solchen Debatten könnten muslimische Vorbilder eine entscheidende Rolle spielen: Sie gewinnen schnell das Vertrauen der Jugendlichen und zeigen ihnen eine innerislamische Alternative, die auf Toleranz, Respekt und Miteinander basiert und frei von Vorurteilen, Opfern oder Feindbildern ist.  

Wir brauchen offenen Dialog

Seitens der Mehrheitsgesellschaft ist es wichtig, die Bekämpfung von muslimischem Antisemitismus als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu verstehen. In einigen Kreisen wurde im Sommer 2014 behauptet, muslimischer Antisemitismus sei ein «importiertes Problem». Aber wir reden von deutschen oder schweizerischen Jugendlichen mit familiärem Migrationshintergrund, wir reden von Europäern. Sie sind Teil dieser Gesellschaft und ihre Probleme sind nicht importiert: Sie entstanden hier, auch wenn sie natürlich viel mit den Einstellungen der Herkunftsländer ihrer Vorfahren zu tun haben. Wir müssen die Wir/Ihr-Debatte auflösen und den Jugendlichen das Gefühl vermitteln, dass sie ein gleichwertiger Teil der Gemeinschaft sind. Nur im offenen Dialog, an dem jeder gleichwertig teilhaben kann, können Themen wie Antisemitismus bearbeitet werden.

Dazu müssen im Schulbereich viele Konzepte umgedacht werden. Die Bearbeitung von Nationalsozialismus, Holocaust und Zweitem Weltkrieg ist wichtig und unverzichtbar, sie reicht aber zur Sensibilisierung muslimischer Jugendlicher nicht aus. Der Geschichtsunterricht ist auf Schüler und Schülerinnen ohne Migrationshintergrund angelegt und erreicht muslimische Jugendliche kaum. Ihnen fehlen der Bezug und eine emotionale Verbindung zur europäischen Geschichte – und damit auch das Interesse.

Nahostkonflikt muss Schulstoff werden

Themen wie der Nahostkonflikt sollten deswegen unbedingt in der Schule behandelt werden. Es geht dabei nicht darum, politische Haltungen zu vertreten, sondern historisches Wissen zu vermitteln, zum Beispiel darüber, wie der Nahostkonflikt entstanden ist. Es gibt Materialien, die das Thema differenziert darstellen. Sie müssen eingesetzt werden.

Eine differenzierte Betrachtung des Staates Israel muss den Jugendlichen auch beigebracht werden: Der Staat Israel erscheint vielen Jugendlichen als monolithischer Block. Viele wissen nicht, dass dort Araber leben, dass es in Israel Kriegsdienstverweigerer gibt, eine starke politische Opposition, einen lebendigen Pluralismus mit vielen politischen Strömungen.

Die Lehrpersonen müssen darin gefördert werden, keine Angst vor solchen Diskussionen zu haben. Durch Wissensvermittlung und die Erarbeitung und Durchführung neuer pädagogischer Konzepte können sie sich in diesem Bereich sicherer fühlen und in ihren Klassen mehr und tiefer zum Thema Antisemitismus arbeiten.

Jugendliche an eine Diskussionskultur heranführen

Unverzichtbar in der Präventionsarbeit ist es, die Jugendlichen an eine Diskussionskultur heranzuführen. Viele kommen aus patriarchalen Familienstrukturen, in denen kritisches Denken und das Hinterfragen entweder nicht vorhanden oder untersagt sind. Im Onlinebereich – in Foren und sozialen Netzwerken, die vor allem unter Jugendlichen sehr beliebt sind – gibt es oft sehr wenig Platz für kritische Stimmen. Wenn sich dort jemand getraut, gegen die Masse zu halten, wird er niedergemacht, gemobbt und diffamiert. Jugendliche sollen dazu bewegt werden, kritische Fragen zu stellen, ihre eigenen Positionen und die Positionen ihrer Mitschüler zu hinterfragen. Nur so können schwarz-weisse Denkmuster und Vorurteile bearbeitet und abgebaut werden.

Um diesen Prozess zu ermöglichen, müssen wir in unseren Schulen Räume für offene und auf Augenhöhe geführte Diskussionen schaffen, wo die Jugendlichen keine Angst vor Abwertung haben müssen. Es muss das Ziel pädagogischer Arbeit sein, diese Jugendlichen zu motivieren, sich selbstständig ihre eigene Meinung zu bilden. Dabei muss kritisches Denken das Hauptziel der politischen Bildung in schulischen und ausserschulischen Institutionen sein – und zwar nicht nur bezüglich der Antisemitismusproblematik.

Die Podiumsdiskussion zum Thema im Rahmen der BESA-Ausstellung.

Direkte Begegnungen nützen

Gegen die wachsenden Ressentiments und Vorurteile bei Jugendlichen gegenüber Juden können auch direkte Begegnungen auf ganz persönlicher Ebene – von Mensch zu Mensch – eine entscheidende Rolle spielen. Viele Jugendliche haben noch nie in ihrem Leben einen Juden bewusst persönlich getroffen oder mit ihm oder ihr gesprochen, meistens assoziieren sie mit dem Wort «Jude» israelische Soldaten oder radikale Siedler. Dass aber in Europa und anderswo Juden leben, die mit Israel nichts oder wenig zu tun haben, ist ihnen unbekannt. Deshalb wirkt eine persönliche Begegnung meistens sehr effektiv, denn die Jugendlichen merken, dass die/der vermeintlich «Andere» menschlich und sympathisch ist.

Bilder, Vorurteile und Hass brechen dadurch weg. Ein persönliches Treffen mit Zeitzeugen kann in Sachen Holocausterziehung sehr wertvoll sein und eine persönliche und emotionale Begegnung mit dem dunkelsten Kapitel europäischer Geschichte ermöglichen. Und ein Treffen mit einem Israeli kann einen neuen Blickwinkel auf den Nahostkonflikt oder die Vielfalt Israels ermöglichen.

Weiterbildung auch für Behörden

Ausserdem sollte mit einigen Jugendlichen Biografiearbeit durchgeführt werden: Viele Eltern sind wegen Kriegserfahrungen im Nahen Osten nach Europa geflohen. Ihre Geschichte ist von Flucht und Exil geprägt, sie sind hoch traumatisiert und geben dieses Trauma bewusst oder unbewusst an ihre Kinder weiter. Viele machen den Staat Israel und «die Juden» für ihr perspektivloses und unsicheres Leben verantwortlich. Deshalb bedarf es einer intensiveren Beschäftigung mit den Biografien solcher Jugendlicher und mit ihren Bedürfnissen. Die Beschäftigung mit der Herkunft und den Familiengeschichten dieser Jugendlichen und ihrer Eltern ist ein Ausdruck der Anerkennung und des Interesses. Nur dadurch können wir diese jungen Menschen erreichen und eine Vertrauensbasis schaffen, um das Thema Antisemitismus zu bearbeiten.

Als letzter Punkt soll betont werden, dass Antisemitismus in unserer Gesellschaft unter keinen Umständen zu tolerieren ist. Europa muss insgesamt ein Zeichen setzen. Die Ereignisse des Sommers 2014 haben gezeigt, dass die Polizei mit diesem Thema überfordert und teilweise darüber uninformiert ist. Auf den Demonstrationen wurden zum Beispiel Parolen auf Arabisch gerufen, die teilweise hoch problematisch waren. Wir müssen Polizisten Instrumente in die Hand geben, damit sie in der Lage sind, effektiv gegen Antisemitismus zu arbeiten. In Berlin machen wir das schon mit Weiterbildungen zum Thema – solche Weiterbildungen müssten in anderen Ländern und Städten auch eingeführt werden. Wenn ein Jugendlicher «Jude, Jude, feiges Schwein» ruft und es passiert von Seite der Mehrheitsgesellschaft, der Polizei und Staatsanwaltschaft nichts, fühlt er sich in seiner Haltung bestärkt.