Einführung Antisemitismusbericht 2014

2014 registrierten wir in der Deutschschweiz so viele antisemitische Vorfälle wie noch nie. Die Zunahme liess sich nicht nur im Internet, vor allem auf Facebook, sondern auch im „realen Leben“ beobachten. Beunruhigender noch als die quantitative Zunahme war die qualitative Veränderung: Vor allem im Sommer 2014 waren Posts im Internet, aber auch Zuschriften per Mail und per Post sowie verbale Angriffe auf Jüdinnen und Juden auf der Strasse deutlich aggressiver als in früheren Jahren.

Dieser Entwicklung widerspricht scheinbar eine neue Studie der gfs Bern, die besagt, dass antisemitische Einstellungen seit Jahren stabil sind. Laut der von April 2010 bis Mai 2014 im Auftrag der Fachstelle für Rassismusbekämpfung durchgeführten Studie liegt der Anteil der antisemitisch eingestellten Bevölkerung unverändert bei rund 10-11 Prozent.

Vorfälle und Tendenzen im Auge behalten

Die gestiegene Zahl der antisemitischen Vorfälle und die gemäss gfs stabile Prozentzahl von Menschen mit antisemitischer Gesinnung bilden tatsächlich keinen Widerspruch: Latentes antisemitisches Gedankengut drängt oft erst unter dem Einfluss eines äusseren Ereignisses, beispielsweise im Zusammenhang mit Israel und seinen Nachbarn an die Oberfläche, beispielsweise in Form von verbalen oder physischen Angriffen.

Antisemitismus wird plötzlich sichtbar, manifestiert sich lautstark oder gar gewalttätig. Gleichzeitig muss die Zunahme von Vorfällen nicht bedeuten, dass auch die gesamtgesellschaftliche Verbreitung von antisemitischen Einstellungen zunimmt. Die gfs-Studie zeigt gewissermassen den „Grundstock“ an Antisemitismus,  die Zahl der Vorfälle zeigt, wie oft Ausdrücke dieses Grundstocks – zum Beispiel Zuschriften oder Schmierereien - erfasst wurden.

Es ist daher wichtig, dass sowohl gesamtgesellschaftliche Grundhaltungen wie auch einzelne Vorfälle beobachtet werden. Wenn mehr als jeder zehnte Bürger in der Schweiz eine klar antisemitische Einstellung hat, ist dieser Anteil weiterhin hoch – zu hoch. Dazu kommt: Diejenigen, die ihren Hass laut oder aggressiv ausdrücken, können unabhängig von ihrer Anzahl grossen Schaden anrichten und Angst verbreiten. 

Antisemitismus unter Muslimen

Die Analyse der 2014 erfassten antisemitischen Vorfälle zeigt, dass ein bedeutender Teil der Vorfälle von Menschen mit muslimischem Hintergrund stammen. Auch die gfs-Studie kommt zum Schluss, dass der Antisemitismus „bei Bevölkerungsteilen muslimischer Zugehörigkeit (…) vermehrt anzutreffen“ ist (Seite 173 des Schlussberichts), nennt aber keine konkreten Zahlen.

Diese Feststellung darf weder tabuisiert werden noch zu Verallgemeinerungen und Stigmatisierungen führen. Klar ist: Die allermeisten Muslime sind keine Judenhasser, und Antisemitismus gibt es bekanntlich auch in vielen anderen Bevölkerungsgruppen. Zudem ist die Situation in der Schweiz weniger gravierend als etwa in Frankreich. Zu den Ursachen für Antisemitismus unter Muslimen gehören juden- und israelfeindliche Propaganda in Ländern, wo Antisemitismus oft auch im Schulprogramm und von staatlichen Organisationen verbreitet wird. Solche antijüdischen Inhalte werden ebenso in der Schweiz via Internet und Fernsehen konsumiert.

Diese Tatsachen und das bisherige Fehlen von Studien haben SIG und GRA veranlasst, das Thema „Antisemitismus unter Muslimen“ von Ahmad Mansour vertieft analysieren zu lassen. Mansour ist israelischer, muslimischer Araber, hat Psychologie studiert und lebt und arbeitet seit zehn Jahren in Deutschland. Einer der Schwerpunkte seiner Arbeit widmet sich dem muslimischen Antisemitismus, worüber er publiziert und in der Praxis mit Jugendlichen arbeitet. 

Die Probleme sind hausgemacht

Im Vordergrund von Mansours Analyse steht die Prävention. Um das Problem des muslimischen Antisemitismus zu bekämpfen sind sowohl die muslimischen Verbände als auch die Mehrheitsgesellschaft gefordert, so Mansour. Die Probleme sind gemäss ihm nicht importiert, sie entstanden hier, mitten in unserer Gesellschaft, betont Mansour.

Wenn sich unter Minderheiten Vorurteile gegen andere Minderheiten breit machen, gefährdet dies das Zusammenleben – zumal auch auf jüdischer Seite teilweise Vorurteile oder Unsicherheit gegenüber Muslimen vorhanden sind, insbesondere nach Attacken von islamistischen Terroristen wie in Paris, Brüssel oder Kopenhagen.

Aufruf zum Dialog

Auch deshalb haben die jüdischen und muslimischen Dachverbände im September 2014 eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht und zum konstruktiven Dialog aufgerufen. Aus dem gleichen Grund unterstützen GRA und SIG Dialogprojekte. „Vorurteile gemeinsam überwinden“ lautet der Ansatz des „Respect“-Projekts von NCBI. Das reicht aber bei Weitem nicht: Der Staat muss sich stärker einsetzen, Schulen müssen einen noch aktiveren Beitrag zum gegenseitigen Verständnis und zur Förderung der Diskussionskultur leisten.

Die Themen Rassismus und Antisemitismus können keineswegs nur mit einer guten Integrationspolitik angegangen und gelöst werden. Alle aktuellen Untersuchungen zeigen, dass auch viele Schweizerinnen und Schweizer ohne Migrationshintergrund nicht vor Vorurteilen und Hass gegenüber Juden und anderen Minderheiten gefeit sind.

Sabine Simkhovitch-Dreyfus
Vizepräsidentin SIG
Dr. Ronnie Bernheim
Präsident GRA