Interview mit dem Rapper Knackeboul

David Kohler alias Knackeboul ist einer der erfolgreichsten Rapper der Schweiz. Er macht aber nicht nur Musik, sondern schreibt auch Kolumnen über meist politische Themen, dreht für «Watson» lustige Videos und arbeitet als Moderator. Und: Knackeboul kommentiert immer wieder öffentlichkeitswirksam das Zeitgeschehen und nimmt pointiert Stellung zu Themen wie Rassismus, Antisemitismus und Verschwörungstheorien. Mit seinen klaren Ansagen schafft er sich nicht nur Freunde. Grund genug, den vielseitigen Künstler zu interviewen.

Zur Person

David Lukas Kohler

Knackeboul, mit bürgerlichem Namen David Lukas Kohler wurde 1982 in Langenthal geboren. Er ist ein Schweizer Künstler, der vor allem als Rapper, Beatboxer, Moderator und Entertainer bekannt ist. Aufgewachsen ist er in Portugal und in der Schweiz. Im Alter von 14 Jahren fing Knackeboul mit dem Rappen an. Zusammen mit zwei Freunden gründeten diese im Jahr 2001 die Band Mundartisten, aus welcher einige Jahre später das gleichnamige Label hervorging. 2006 begann Knackeboul seine Solokarriere als Rapper mit dem Album Red und Antwort. Im mehrfach preisgekrönten Dokumentarfilm Chrigu, welcher 2007 erschien, werden die Mundartisten rund um Knackeboul porträtiert. Als Support der amerikanischen Band Delinquent Habits tourte er im Winter 2009 durch ganz Europa, was ihm vor allem in Deutschland viele Folge-Auftritte bescherte. 2013 sorgte er neben seinem Top-10-Album „Picasso“ durch seine Meinungsäusserung zum Schweizer Asylwesen schweizweit für Medienaufmerksamkeit.  

Knackeboul: "Wie salonfähig der Judenhass noch immer ist, wurde mir erst in den letzten Jahren so richtig bewusst."

Im letzten Jahr hast du dich als Kritiker von Verschwörungstheorien exponiert: In YouTube-Videos, in deinen Raptexten, in deiner Kolumne in der «Tageswoche», auf Facebook,  in Interviews. Was hat dich dazu bewogen?

In den letzten Jahren habe ich gemerkt, dass es auch innerhalb meiner eigenen «Bubble», innerhalb meines eigenen Umfelds problematisches Gedankengut gibt.  Ich bewege mich in einem tendenziell  linken Milieu, das weltoffen und tolerant ist oder sich zumindest so gibt. Ich musste realisieren, dass es auch unter Linken und unter Rappern teilweise eine gefährliche Blauäugigkeit oder gar Blindheit bei Verschwörungstheorien gibt. Und sowohl bei Linken als auch in der Rapszene gibt es Akteure, die bei ihrer Kritik an der Globalisierung, den Medien und dem Kapitalismus plötzlich Dinge sagen, die problematisch sind.

Inwiefern problematisch?

Ich beobachte, dass manche Leute mit antisemitischen Klischees argumentieren, wenn sie ihre Solidarität mit Palästina erklären. Oder ihre Ablehnung des Kapitalismus. Dagegen wehre ich mich, und ich will auch keine Fans, die solches Gedankengut vertreten. Ich bin selbst eher links. Und halte mich für einen sehr kritischen Menschen, der nicht alles für bare Münze nimmt, was in den Medien steht. Trotzdem glaube ich nicht, dass geheimnisvolle dunkle Mächten, «die Zionisten» oder gleich «die Juden» die Welt lenken. Und ich glaube nicht, dass Globalisierung per se schlecht ist.

Du sagst, dir ist dieses problematische Denken in der eigenen Bubble aufgefallen. Hat sich deine Bubble verändert, oder bist du sensibler für das Thema geworden?

Ich glaube nicht, dass sich die Bubble verändert hat. Es ist schon so, dass meine Sensibilität für das Thema grösser geworden ist. Ich habe erst in den letzten zwei Jahren realisiert, wie weit verbreitet Verschwörungstheorien gerade im Rap sind.

Ist die Rapszene besonders anfällig dafür?

Es gibt tatsächlich verschwörungstheoretische Tendenzen in der Rapszene. Es geht speziell im politischen Rap um den Kampf zwischen den machtlosen, armen Underdogs und «denen da oben», den Politikern, den Mächtigen.  Verschwörungstheorien lassen sich gut anknüpfen am Kampf zwischen «unten» und «oben». Ich würde aber niemals behaupten, dass die ganze Rapszene antisemitisch oder anfällig für Verschwörungstheorien sei. Es gibt viele Rapper, die gesellschaftliche Machtverhältnisse sehr differenziert thematisieren.

Hältst du alle Verschwörungstheorien für antisemitisch?

Diese Theorien folgen immer dem gleichen Muster: Eine geheime Macht, eine fiktive Elite unterjocht den kleinen Mann, und wir müssen das endlich stoppen. Von da ist es nicht mehr weit zur Behauptung, dass Juden die Welt kontrollieren würden. Dazu kommt, dass viele Codes verwendet werden.  So spricht man von «den Banken» oder «den Rohschilds» – gemeint sind aber «die Juden». Ich finde auch diejenigen Verschwörungstheoretiker gefährlich, die nicht offensichtlich antisemitisch argumentieren. Daniele Ganser etwa. Er nennt sich Friedensforscher, behauptet aber völlig undifferenziert, dass 9/11 eine «False Flag»-Attacke gewesen sei.  

Du hast auf YouTube mehrere lange kritische Videos zu Daniele Ganser veröffentlicht. Die Videos haben sehr viele Zuschauer erreicht. Du bist dafür von Ganser-Fans massiv kritisiert, beleidigt und teilweise bedroht worden.  Warum tust du dir das an?

Ich habe gemerkt, dass Gansers Theorien auch bei Freunden von mir Anklang finden. Bei Leuten, die wie ich den Medien gegenüber eher kritisch eingestellt sind. Doch während sie gegenüber den herkömmlichen Medien sehr kritisch sind, sind sie gegenüber den Konstrukten von Verschwörungstheoretikern völlig unkritisch. Ich finde es viel schlimmer, wenn Leute, die eigentlich links sind, bei solchen Theorien jegliche Skepsis ablegen und die Theorien sogar selber verbreiten, als wenn beispielsweise jemand vom Land konservativ denkt und die SVP wählt – auch wenn ich die SVP überhaupt nicht mag.  

War die Auseinandersetzung mit Ganser gewissermassen die Initialzündung für deine Beschäftigung mit Verschwörungstheorien?

Nein, das begann schon früher. Mir ist schon in den Nullerjahren, als ich in linken Aktivistenkreisen verkehrte, aufgefallen, dass in Diskussionen über «die Rothschilds» oder die Banken, die angeblich alles kontrollieren, gelegentlich Sätze fielen wie «Aber so etwas darf man ja nicht sagen, sonst ist man gleich Antisemit.» Schon damals bin ich bei solchen Aussagen zusammengezuckt. Denn etwa seit ich zwölf Jahre alt bin, lese ich sehr viele Bücher über den Holocaust und über das Schicksal jüdischer Familien. Um diese Themen geht es in etwa 70 Prozent der Bücher, die ich lese. Obwohl ich selber nicht jüdisch bin, hat mich der Holocaust  immer extrem betroffen gemacht. Ich wollte und ich will zu verstehen versuchen, wie der Holocaust geschehen konnte.

Du hältst Verschwörungstheorien offenbar für ein grosses Problem, sonst würdest du das Thema nicht so oft und ausführlich thematisieren. Wie populär sind Verschwörungstheorien deiner Meinung nach?

Ich bin überzeugt, dass dieses Gedankengut extrem verbreitet ist. Ich halte das verschwörungstheoretische Denken für eines der grössten aktuellen Probleme – weltweit. Das ist eine Art Ur-Aberglauben. Das Gefährliche ist, dass dieses Denken Menschen unabhängig von der Epoche, von der Nationalität und der politischen Gesinnung verbindet und zu Wahnsinnigen macht. Ich kann es nicht anders sagen.

Was macht diese Theorien deiner Meinung nach so attraktiv?

Als Verschwörungstheoretiker bist du immer der Erleuchtete, der Bescheid weiss. Das ist natürlich attraktiv. Und: Verschwörungstheorien ermöglichen es einem, das Böse ausserhalb von sich selber zu verorten. Das ist ein weiterer Erklärungsansatz. Es gibt einen bösen Eindringling oder einen bösen Manipulator, einen Satan, der dich direkt bedroht. Und wenn du in deinem Leben oder in deinem Job Frustrationen hast, kannst du alles auf die Verschwörung zurückführen, und du kannst sagen: „Natürlich habe ich keinen guten Job, denn es ist sowieso alles manipuliert.“

Verschwörungstheoretiker machen also die Verschwörung für ihr eigenes Scheitern verantwortlich?

Ja, das ist so. Etwas Externes, Schlechtes, Böses, das im Prinzip nichts mit dir zu tun hat, will dich fertigmachen und ist für dein Scheitern verantwortlich.  

Du postest oft relativ provokative Aussagen über solche Theorien, die dann heftige Reaktionen hervorrufen.

Ich provoziere sehr bewusst. Ich will diese Wahnsinnigen so dazu bringen, ihre Masken fallen zu lassen, damit die schreckliche Ideologie zum Vorschein kommt, die oft hinter diesen Theorien steckt. Das funktioniert sehr gut: Die Wahnsinnigen argumentieren meist sehr schnell sehr aggressiv und behaupten etwa, dass es eine jüdische Weltverschwörung gäbe. Ich bin überzeugt, dass solche Aussagen dann jene abschrecken, die selber noch keine fanatischen Verschwörungstheoretiker sind, aber vielleicht mit gewissen Theorien sympathisieren. Oft schreiben mir Leute, dass sie die aggressiven Reaktionen von Verschwörungstheoretikern schockiert hätten.

Du und auch deine Familie werden teilweise sogar bedroht – wie gehst du damit um?

Ich habe einen Ordner voller Screenshots. Darin sammle ich die schlimmsten Drohungen und Beleidigungen. Ich hätte Material für mindestens 30 bis 50 Klagen. Ich sehe diese Sammlung auch als eine Art Erfolg: Diese Drohungen beweisen nämlich, dass viele dieser Spinner, die angeblich nur Frieden wollen, menschenverachtende und gewalttätige Ideen vertreten.  

Beim SIG zeigen wir regelmässig Leute an, die im Netz hetzen und drohen. Ist das für dich keine Option?

Bisher nicht. Ich nehme diese Drohungen nicht allzu ernst und hatte bisher nie Angst. Ich schliesse aber nicht aus, dass ich bei ganz krassen Drohungen auch mal Anzeige erstatte.

Auf deiner Facebookseite sieht man sehr viele Hater, wenn du zu politischen Themen postest. Erntest du mehr Hass oder mehr Zuspruch?

Beim Thema Rassismus waren und sind praktisch alle Leute in meiner «Bubble» mit mir einig. Beim Thema Verschwörungstheorien ist das schon anders. Gerade wenn ich Leute wie Daniele Ganser kritisiere. Für meine Kritik an Ganser ernte ich nicht allzu viel Schulterklopfen. Es gibt schon Leute, die meine Kritik schätzen. Aber das Thema scheint viele Leute, die in anderen Dingen mit mir einig sind, zu überfordern.

Nirgendwo begegnet man heute mehr Rassismus und Antisemitismus als im Internet. Was kann man dagegen tun?

Ich finde, man sollte härter gegen Rassismus und Antisemitismus vorgehen und Rassisten wann immer möglich konsequent strafrechtlich verfolgen – aber nicht nur im Netz. Im Netz sollte man die Profile sperren und die Internetprovider in die Pflicht nehmen. In der Schweiz dürfen Neonazis Fackelumzüge organisieren und werden dabei von der Polizei nicht gehindert, so lange sie nicht «Heil Hitler» brüllen. Meiner Meinung nach müsste auch so etwas verboten sein.

Aber Leute, die Fakeprofile verwenden, kann man kaum strafrechtlich verfolgen. Zudem gibt es extrem viele Hetzer. Kommt dazu: Plattformen wie Facebook rücken die Daten nur in absolut extremen Fällen heraus.

Ich habe kein Patentrezept. Aber Tatsache ist: Hinter diesen Profilen stecken reale Menschen. Die Gesellschaft muss mehr aufgerüttelt werden. Man muss gegen Rassismus die Stimme erheben. Darüber reden. Auch im Netz, aber nicht nur.

Glaubst du, dass das Internet den Hass verstärkt?

Es ist schon so, dass Facebook und Co. Gruppen zusammenbringen, die vor allem der Hass auf andere eint und die ohne Internet vielleicht gar nicht zusammengefunden hätten. Die moderne Technologie hat durchaus auch verhängnisvolle Seiten.

Du bist eigentlich hauptberuflich Rapper. Letztes Jahr hast du aber kein Album veröffentlicht und keine Konzerte gegeben, aber umso mehr Stellung zu politischen Themen bezogen. Schaden deine politischen Aussagen deiner Rapkarriere?

Ja, das ist schon so. Ich stecke tatsächlich ein bisschen in einem Dilemma. Als David Kohler verbreite ich politische Botschaften, die dem Rapper Knackeboul eine Mainstream-Karriere schon längst verunmöglicht haben. Es ist ein Drahtseilakt. Ich möchte auch nicht einfach in die Politikschublade gesteckt werden – und ich will kein Politiker werden! Ich möchte trotz meiner oft politischen Aussagen die Narrenfreiheit des Künstlers behalten.

Beschäftigst du dich auch in deinen Songs mit Verschwörungstheorien?

Gerade am letzten Cypher (ein wichtiger Rapcontest, organsiert von Radio SRF Virus) rappte ich unter anderem darüber und machte mich darüber lustig. Es wird auch in Zukunft in meinen Raptexten immer wieder Seitenhiebe in diese Richtung geben. Aber ich will mich wie gesagt davor hüten, in meiner Musik nur noch Politik zu thematisieren. Rap ist für mich ein Ventil, ich will beim Rappen auch mal überheblich tun, lustig sein. Im Rap geht es nicht zuletzt darum, der Grösste und der Beste zu sein, es ist eine Art Sport und Unterhaltung. Das will ich mir bewahren.

Du hast dich in letzter Zeit nicht nur zu Verschwörungstheorien, sondern auch mehrfach zum Tierschutz und zum «Speziesismus» geäussert. Wie kamst du auf diese Themen?

Durch diese leidigen Vergleiche. Der Vergleich von Schlachthöfen und Konzentrationslagern ist schrecklich, und ich kann nicht nachvollziehen, dass das radikale Tierschützer nicht einsehen. Es gibt einen Unterschied, ob man eine ganze Familie ermordet, eine Familie mit einer Biografie und mit Plänen und Träumen, nur weil sie jüdisch ist. Oder ob man eine Kuh schlachtet, weil man das Fleisch essen will. Ich bin überzeugt: Man kann tierlieb sein und die Würde der Tiere achten, ohne dass man Tiere vorbehaltslos mit Menschen gleichsetzt. Man darf und soll darüber reden, ob man heute noch Fleisch essen soll, keine Frage. Aber diese Vergleiche sind problematisch. Wenn sich Tierschützer mit den Abschaffern der Sklaverei vergleichen und den Holocaust mit Massentierhaltung gleichsetzen, werden Grenzen überschritten.

Zum Schluss noch eine nicht ganz so ernsthafte Frage: Gibt es eine Verschwörungstheorie, von der du hoffst, dass sie wahr ist?

Es gibt ja viele Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit Ausserirdischen. Ich persönlich hoffe, dass es Ausserirdische gibt und sie uns eines Tages besuchen kommen. Ich bin ein grosser Fan der Vorstellung, dass es noch andere Zivilisationen oder Lebewesen gibt.