Einführung Antisemitismusbericht 2015

2015 verzeichneten SIG und GRA in der Deutschschweiz deutlicher weniger antisemitische Vorfälle als im Vorjahr. Im Sommer 2014, während des Krieges in Gaza, gab es vor allem auf Facebook zahlreiche Drohungen gegen Jüdinnen und Juden, auch antisemitische Zuschriften häuften sich. Eine solche Häufung gab es im Berichtsjahr nicht. Beunruhigend waren jedoch zwei körperliche Übergriffe in Zürich, die antisemitisch motiviert waren.   

Das Jahr 2015 war stark geprägt von den antisemitischen Attentaten von Paris und Kopenhagen. Auch in anderen europäischen Städten gab es mehrere Angriffe auf Juden. Diese Attacken haben die jüdische Gemeinschaft auch hierzulande stark verunsichert. Ihr Bedürfnis nach Schutz vor antisemitischer Gewalt und Terror ist gestiegen.

Wir haben uns gefragt: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Hetze gegen Juden im Netz und physischen Übergriffen? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Hasswelle auf Facebook vom Jahr 2014 und den Angriffen auf Leib und Leben von Juden im Jahr darauf? Insbesondere wollten wir wissen, welche psychologischen Mechanismen jemanden dazu bringen, auf Facebook zu hetzen – und welche psychologischen Mechanismen dazu führen, dass ein Hetzer den virtuellen Raum verlässt und auf der Strasse Juden körperlich angreift.  

Der Schwerpunktbeitrag von Nils Böckler und Andreas Zick beschäftigt sich denn auch mit der sozialpsychologischen Funktion des Hasses und mit den Faktoren, die diesen eskalieren lassen.

Das Internet ermöglicht einen „sanfteren Einstieg“ in radikale und extremistische Lebenswelten, legen die Autoren dar. Dieser Einstieg in den Extremismus wird durch die Internet-typische Anonymität, physische Distanz und fehlende non-verbale Reaktionen begünstigt. Hass im Netz zu verbreiten kann zur Sucht werden: Die Hetzer werden süchtig danach, Sündenböcke für die eigenen Probleme zu haben und sich in einer Gruppe stark zu fühlen. Diese Hassbotschaften im Internet können zur Gewalt auf den Strassen führen. Die physische Gewalttat ist in der Regel jedoch mit sehr viel höheren Hemmschwellen als die Hassbotschaft im Internet verbunden – dies ist mit ein Grund, warum nicht alle Online-Hetzer auch physisch gewalttätig werden.

Die Autoren nennen zwei Lösungsansätze, um Rassismus und Antisemitismus sowohl online als auch offline zu bekämpfen:

Einerseits müsse man dem Hass im Netz entschieden entgegentreten, auch mit Repression. Andererseits müsse Hass im Netz auch in der Offlinewelt viel mehr thematisiert werden, fordern die Autoren. Überhaupt sei eine strikte Trennung zwischen On- und Offlinewelt nicht mehr haltbar, argumentieren Böckler und Zick. Darauf haben sich auch Prävention und Intervention einzustellen.

Dem können wir uns nur anschliessen. Wenn wir in der Schweiz antisemitische Horrortaten wie in Kopenhagen und Paris verhindern wollen, kommen wir nicht darum, auch die Hetze im Netz eindämmen. Hass drängt zur Tat, und das Internet ist das Biotop, in dem er gedeiht und geschürt wird. Die Pädagogen müssen lernen, wie verführerisch die Hetze und Extremismus im Internet sein können. Sie müssen den Jugendlichen die Mechanismen und Funktionen des Hasses aufzeigen – aber auch, wie schnell solcher Hass im Netz in rohe Gewalt auf der Strasse umschlagen kann. 

Sabine Simkhovitch-Dreyfus
Vizepräsidentin SIG
Dr. Ronnie Bernheim
Präsident GRA