Einführung Antisemitismusbericht 2018

Während es im Berichtsjahr 2018 in den Schweizer Nachbarländern wiederholt zu schwerer physischer oder sogar tödlicher Gewalt gegenüber jüdischen Menschen kam (zum Beispiel die Ermordung von Mireille Knoll in Paris oder der Angriff mit einem Gürtel auf einen Kippa tragenden Mann in Berlin), sind die Schweizer Jüdinnen und Juden davon glücklicherweise grösstenteils verschont worden. Allerdings wurden dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) viele antisemitische Beschimpfungen und Schmierereien gemeldet, die sich in der deutschen Schweiz ereignet haben, ganz abgesehen von den Fällen, von denen die Opfer nicht sprechen und die deshalb nicht erfasst werden können.

Ganz besonders beunruhigend ist jedoch das Ausmass an antisemitischen Vorfällen im Internet. Im Netz und ganz besonders in den sozialen Medien wie Facebook und Twitter verlieren viele Menschen die Hemmungen und jegliche Zurückhaltung. Während dies früher oftmals mit der Anonymität im Netz begründet wurde, so ist es heute auffallend, wie viele Userinnen und User mit eigenem Namen und gut erkennbarem Profilbild antisemitische Aussagen posten. Leider zeigt dies deutlich, wie stark Antisemitismus heute wieder salonfähig geworden ist – und zwar gerade auch im digitalen Raum.

Antisemitismus kommt in der Schweiz in verschiedenen Teilen der Gesellschaft vor: in rechts- und linksradikalen Gruppierungen, bei Musliminnen und Muslimen, bei radikalen Tierschützern, aber auch in der Mitte der Gesellschaft. Jugendliche benutzen den Begriff «Jude» vermehrt als Schimpfwort und Beleidigung, in WhatsApp-Gruppen werden Holocaust-Witze in Bilderform verschickt. Dahinter steckt zwar nicht zwingend Antisemitismus, aber sicherlich eine grobe Insensibilität und mangelndes Wissen.

Im Berichtsjahr fällt besonders der grosse Anteil von auf den wirrsten Verschwörungstheorien basierendem Antisemitismus auf. Verschwörungstheorien machen von jeher häufig Juden für negative Entwicklungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft verantwortlich, und das ist auch heute nicht anders. Die im Internet schnelle Propagierung von solchen Theorien und die Verbreitung von Fake News verunsichern auch Personen, die eigentlich nichts gegen Juden haben, fördern Vorurteile und Stereotypen und generieren immer wieder Hassreden.

Für den SIG und die GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus ist es deshalb unabdingbar, dass viel stärker auf Prävention etwa durch fachkundige Aufklärung, Information und Dialog zwischen den diversen Vertretern der Schweizer (Minderheiten-)Gesellschaft gesetzt werden muss. Prävention muss aber auch beim Umgang mit dem Internet und den sozialen Medien gerade bei Jugendlichen ansetzen, damit diese lernen, angebliche Informationen zu prüfen und zu hinterfragen und sich bewusst werden, welche Konsequenzen Hassreden im Internet haben können.

SIG und GRA sowie andere Akteure der Zivilgesellschaft setzen sich mit ihren Präventionsprojekten dafür ein und werden diese noch intensivieren. Aber da ist in erster Linie der Staat gefordert, damit die Prävention vor allem auch in den Schulen und im öffentlichen Raum intensiviert wird.

Für das Berichtsjahr 2018 haben sich der SIG und die GRA entschlossen, den Antisemitismusbericht grundlegend zu überarbeiten. Er ist nun umfassender und enthält ausführlichere Statistiken. Auch werden Methode und Definitionen genauer erläutert.

Download PDF-Version des Antisemitismusberichts 2018

Sabine Simkhovitch-Dreyfus
Vizepräsidentin SIG
Pascal Pernet
Präsident GRA