Statistiken und die gravierendsten Vorfälle 2018

Statistiken

Vorfälle des Jahres 2018

 

Verteilung der Online-Fälle
Diese Tabelle zeigt, woher die Online-Vorfälle stammen. Dabei ist zu beachten, dass bei den Medien (Blick, 20 Minuten, NZZ usw.) nur diejenigen Vorfälle gezählt werden, die auf der Homepage der Zeitung in den offiziellen Kommentarspalten beobachtet wurden. Kommentare zu auf der Facebook-Seite der Zeitungen geposteten Artikel zählen zur Kategorie Facebook. Aufgrund personeller Ressourcen konzentriert sich die Beobachtung innerhalb der sozialen Medien vor allem auf die zwei grossen Plattformen Facebook und Twitter sowie auf die lokal bedeutende App Jodel. Aus der untenstehenden Tabelle lässt sich also nicht schliessen, dass auf anderen Plattformen (zum Beispiel Instagram) kein Antisemitismus vorkommt.

 

Tabelle grenzwertige Fälle des Jahres 2018:

Die grenzwertigen Fälle werden für die Gesamtzahl der antisemitischen Vorfälle 2018 (Handlungen, Zusendungen und Online) nicht mitgezählt. Sie werden jedoch im folgenden Kapitel «Trigger» mitberücksichtigt. Dies aus dem Grund, dass ein Trigger nicht nur Auslöser für antisemitische Vorfälle, sondern auch für grenzwertige Fälle ist.

Trigger
Als «Trigger» werden Anlässe oder Ereignisse bezeichnet, die für einen begrenzten Zeitraum eine massiv höhere Anzahl an antisemitischen Vorfällen und grenzwertigen Fällen zur Folge haben. Dies kann auf internationale (etwa im Zusammenhang mit dem Nahen Osten) oder auf nationale Gegebenheiten (lokale Abstimmungen, Gerichtsprozesse usw.) oder Medienberichte dazu zurückzuführen sein.

Im folgenden Diagramm werden alle Vorfälle und grenzwertigen Fälle auf die jeweilige Kalenderwoche verteilt dargestellt. So wird ersichtlich, dass es im Berichtsjahr immer wieder zu Spitzen gekommen ist. Diese Spitzen lassen sich grösstenteils einem oder mehreren Triggern zuordnen.

  • Spitze in der Kalenderwoche 11: Am 13./14. März führte der Prozess gegen den Rechtsextremisten Kevin G. zu vielen grenzwertigen Kommentaren in den Online-Medien und auch zu offen antisemitischen Aussagen auf der Facebook-Seite des Blicks.
  • Spitze in der Kalenderwoche 13: Am 1. April erschien im SonntagsBlick ein Artikel über muslimischen Antisemitismus. Dies hat auf der Facebook-Seite der Zeitung zu zahlreichen grenzwertigen und antisemitischen Kommentaren geführt. Ein Grossteil dieser Kommentare stammen den Namen nach mutmasslich von Personen mit muslimischem Hintergrund, welche die Aussage des Artikels ablehnten und dabei mit ihren antisemitischen Äusserungen ironischerweise die Aussage gleich bestätigten.
  • Spitze in der Kalenderwoche 16: Am 19. April erschien ein Artikel von David Klein in der Basler Zeitung mit dem Titel «Die SRG mag keine Juden», der viele grenzwertige und antisemitische Kommentare auslöste. Mitverantwortlich für die Spitze ist auch eine Post-Welle eines Facebook-Nutzers, der diverse Verschwörungstheorien verbreitete.
  • Spitzen in den Kalenderwochen 19-21: Diese Spitze, die über drei Wochen anhielt, ist der Eskalation des Nahostkonflikts in dieser Zeit zuzuschreiben. Es begann in der ersten Woche mit dem Angriff Israels auf iranische Ziele in Syrien. Dann folgte der sogenannte «Marsch der Rückkehr» im Gazastreifen mit der damit verbundenen Reaktion Israels und die Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem, zusammenhängend mit den Feierlichkeiten zum 70-jährigen Bestehen des Staates Israel. Alle diese Ereignisse führten jeweils zu einem überdurchschnittlichen Anstieg von antisemitischen Posts, vor allem als Reaktion auf Zeitungsartikel.
  • Spitze in der Kalenderwoche 23: Hier kommen verschiedene Trigger zum Tragen. Einerseits wirkten die Proteste im Gazastreifen immer noch nach. Andererseits lösten sowohl die von Bundesrat Ignazio Cassis angestossene Diskussion um das Palästina-Hilfswerk UNRWA als auch ein Brot, das Ähnlichkeiten mit einem Hakenkreuz aufwies, antisemitische Online-Kommentare aus.
  • Spitze in der Kalenderwoche 27: Diese wurde durch den Zwischenfall ausgelöst, bei dem eine Gruppe orthodoxer Juden von einem Mann mit einem Messer angegriffen wurde. Die Berichterstattung über diesen Vorfall hat online diverse Kommentare getriggert.
  • Spitze in der Kalenderwoche 28: In der Woche wurden zwar mehr antisemitische Vorfälle und grenzwertige Fälle verzeichnet als in der vorherigen Woche, es liegen jedoch keine Trigger vor. Es handelt sich dabei also um eine zufällige Anhäufung.
  • Spitze in der Kalenderwoche 29: Die mit Abstand grösste Spitze im ganzen Jahr. Sie lässt sich auch auf zwei Trigger zurückführen: einerseits auf den Beschluss des «Nationalstaatsgesetzes » in Israel und andererseits auf die Debatte um angebliche Listen, in denen sich österreichische Juden eintragen müssen, die koscheres Fleisch kaufen wollen.
  • Spitze in der Kalenderwoche 31: Diese ist auf einen Bericht im Blick über jüdisch-orthodoxe Feriengäste und damit verbundene Probleme zurückzuführen. Auf der Facebook-Seite der Zeitung wurden unter den Artikel zahlreiche antisemitische Kommentare gepostet.
  • Spitze in der Kalenderwoche 37: Ähnlich wie in der Woche 28 lässt sich diese Spitze nicht durch einen oder mehrere Trigger erklären. Es liegt eine zufällige Häufung an antisemitischen Vorfällen und grenzwertigen Fällen vor.

Die Analyse in diesem Kapitel zeigt, dass eine Häufung antisemitischer Vorfälle auch von Angriffen auf Juden und generell antisemitischen Vorfällen ausgelöst werden kann. Während solche Vorfälle bei vielen Menschen eigentlich eine Reaktion der Empathie auslösen, können sie bei anderen Personen das Gegenteil bewirken. Diese werden von Angriffen auf Juden erst recht dazu angespornt, sich ebenfalls in diesem Sinn zu äussern.

 

Die gravierendsten Vorfälle

Tätlichkeiten:
• Im Berichtsjahr kam es nur zu einem tätlichen Angriff auf Juden in der Deutschschweiz. Im Juli verfolgte ein Mann mehrere orthodoxe Juden mit einem Messer und beschimpfte sie dabei antisemitisch.

Beschimpfungen:
• Im Januar wurde das Sicherheitspersonal der Synagoge an der Erikastrasse in Zürich beschimpft.
• Im Mai wurden ein deutlich als Jude erkennbarer Mann und sein Sohn auf dem Weg zur Synagoge verbal bedroht. Der Täter lief den beiden hinterher und machte unter anderem folgende Äusserungen: «Euch schneide ich die Kehle auf!»
• Im April kam es zu einem Vorfall im Militär. An einem Infotag wurde ein orthodoxer Rekrut vom Offizier seiner Gruppe schikaniert und antisemitisch beschimpft. Der fehlbare Offizier wurde bei Bekanntwerden sofort vom Militär als Leiter der Gruppe abgezogen und der Stellungspflichtige in eine andere Gruppe versetzt.
• Im Juli wurden zwei jüdische Frauen mit ihren Kindern auf offener Strasse beschimpft. Sie waren gerade im Gespräch mit Spendensammlern einer Hilfsorganisation, als eine vorbeilaufende Frau rief: «Ihr Juden seid alle geizig!».

Zuschriften:
• Der SIG erhielt diverse Zuschriften mit grenzwertigen oder klar antisemitischen Aussagen. In einem der Briefe wurden Juden aufs Übelste beschimpft und Freiheit für die zwei inhaftierten Holocaustleugner Ursula Haverbeck und Horst Mahler gefordert.
• Drei vom gleichen Absender stammende Briefe wurden an die israelische Botschaft in Bern versandt. Darin wird ein jüdischer Anwalt stark antisemitisch und verleumderisch beschimpft. Zum Schluss wurde jeweils der israelische Botschafter aufgefordert, gegen den Anwalt vorzugehen, damit die Juden nicht durch dessen Taten schlechtgemacht würden.

Auftritte:
• Die rechtsextreme «Partei National Orientierter Schweizer» (PNOS) mischte sich an der Basler Fasnacht unter andere Fasnachtscliquen am Cortège. Ihr Sujet sollte die Lüge der jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung darstellen. Mitglieder mit Rothschild- und Soros-Larven in Freimaurergewandung führten mit ihren Händen die USA als Marionette. Die USA wiederum lenkten die Merkel-Marionette, die Merkel-Marionette lenkte die Sommaruga-Marionette, die ihrerseits eine Angelrute mit einer überdimensionierten Banknote in der Hand hielt. Ein rassistisch stilisierter «Neger» lief trommelnd dieser Banknote hinterher.
• Während der von der PNOS organisierten Demonstration in Basel am 24. November hielt das Basler PNOS-Mitglied Tobias Steiger (der auch am oben genannten Fasnachtsauftritt beteiligt war) eine Rede zum Migrationspakt. Diese war gespickt mit offen antisemitischen Verschwörungstheorien. Die Aufnahme der Rede postete Steiger auf You- Tube und Facebook.

Schmierereien:
• Im jüdischen Altersheim SIKNA in Zürich wurden im Juli in einer Toilette zwei Hakenkreuze an die Wand gezeichnet.
• Als ein Ehepaar aus Zürich im September von den Ferien zurückkam, hatte jemand an ihr Garagentor «Hier wohnt ein Jude» geschrieben.
• Im Oktober entdeckt ein Vermieter nach dem Auszug eines Mieters an Wänden und Türen diverse Schmierereien (Beschimpfungen, Hakenkreuz, Zeichnung eines Hitler-Strichmännchen, das ein jüdisches Strichmännchen erschiesst) und ein mit Klebeband erstelltes Hakenkreuz.

Online:
• Inhaltlich am gravierendsten waren einerseits antisemitische Kommentare zum Attentat in einer Synagoge in Pittsburgh am 27. Oktober. Andererseits wurde während der Sicherheitsdebatte in Basel, jeweils im Anschluss an die öffentliche Berichterstattung, oft die Meinung geäussert, dass Steuergelder besser zum Schutz von Schweizern eingesetzt würden und so das Stereotyp verbreitet, dass jüdische Schweizer keine Schweizer Bürger seien.
• International haben die Berichterstattungen über die Proteste im Gazastreifen im Mai und über das Nationalstaatsgesetz im Juli am meisten antisemitische und grenzwertige Kommentare ausgelöst. In der Schweiz waren die Reaktionen bei der Berichterstattung über den Prozess gegen den Rechtsextremisten Kevin G. (März), beim Bericht über muslimischen Antisemitismus in der Schweiz (April) und bei Berichten über orthodoxe Feriengäste in der Schweiz (August/September) am stärksten.

 

Download PDF-Version des Antisemitismusberichts 2018